Wer zwei Fliesendatenblätter nebeneinanderlegt, findet ein Dutzend Normverweise und mehrere Zertifikate. Nur ein Teil davon ist für die Entscheidung relevant. Diese Übersicht ordnet ein, was wofür steht.
Die Grundnorm: DIN EN 14411
Sie ist die zentrale Produktnorm für keramische Fliesen und Platten. Zwei Kriterien bestimmen die Einordnung: das Formgebungsverfahren und die Wasseraufnahme.
- Buchstabe A steht für stranggepresste, Buchstabe B für trockengepresste Fliesen
- Ziffer I bis III beschreibt die Wasseraufnahme, wobei I für die niedrigste steht
- Gruppe BIa bedeutet demnach: trockengepresst, Wasseraufnahme höchstens 0,5 Prozent
Für Industrieböden ist praktisch immer die Gruppe BIa relevant. Sie ist die Voraussetzung für Frostbeständigkeit, chemische Beständigkeit und geringe Verschmutzungsneigung. Steht im Datenblatt eine höhere Gruppe, ist das Produkt für diesen Einsatz meist nicht geeignet.
Die Norm unterscheidet außerdem zwischen glasierten (GL) und unglasierten (UGL) Fliesen. Im Industriebereich dominiert UGL, weil die Nutzschicht dann das durchgefärbte Material selbst ist.
Die Prüfnormen: die ISO-10545-Reihe
Sie beschreibt nicht Eigenschaften, sondern Prüfverfahren. Die für Böden wichtigsten Teile:
| Norm | Was geprüft wird |
|---|---|
| EN ISO 10545-2 | Maße und Oberflächenbeschaffenheit |
| EN ISO 10545-3 | Wasseraufnahme |
| EN ISO 10545-4 | Biegezugfestigkeit und Bruchlast |
| EN ISO 10545-6 | Widerstand gegen Tiefenverschleiß |
| EN ISO 10545-9 | Temperaturwechselbeständigkeit |
| EN ISO 10545-12 | Frostbeständigkeit |
| EN ISO 10545-13 | Chemische Beständigkeit |
| EN ISO 10545-14 | Fleckenbeständigkeit |
Wenn ein Datenblatt einen Wert nennt, sollte die Prüfnorm dabeistehen. Ohne sie ist die Zahl nicht einzuordnen – und nicht vergleichbar.
Rutschhemmung: eigene Welt
Die Bewertungsgruppen R9 bis R13 stammen aus dem Begehungsverfahren nach DIN 51130. Welche Gruppe für welchen Arbeitsbereich gefordert ist, regelt nicht die Produktnorm, sondern die Unfallverhütungsvorschrift – in Deutschland die DGUV Regel 108-003. Für barfuß begangene Nassbereiche gilt eine separate Bewertung mit den Gruppen A, B und C.
Der Verdrängungsraum wird getrennt bestimmt und mit V4 bis V10 angegeben.
Was Zertifikate ergänzen
CE-Kennzeichnung und Leistungserklärung. Sie sind bei Bauprodukten Pflicht und dokumentieren die deklarierten Leistungen. Sie sagen nichts über Eignung für einen konkreten Anwendungsfall aus – nur, dass die genannten Werte erklärt und überwacht sind.
UPEC. Ein französisches Klassifizierungssystem, das Beläge nach vier Kriterien bewertet: Abrieb, Eindruck- und Stoßbelastung, Wasser- und Feuchtigkeitseinwirkung sowie chemische Beanspruchung. Für die Beurteilung von Nutzungsklassen ist es ein brauchbares Zusatzkriterium.
Güteüberwachung für Rüttelbeläge. Für das Rüttelverfahren existiert eine eigene Überwachung geeigneter Zulieferer. Sie deckt Maßhaltigkeit und Verfahrenstauglichkeit des Materials ab – nicht die Ausführung.
Produktspezifische Umweltnachweise. Angaben zu Emissionen, Recyclingfähigkeit und Rohstoffherkunft gewinnen bei öffentlichen Ausschreibungen und Zertifizierungssystemen für Gebäude an Bedeutung.
Was davon ins Leistungsverzeichnis gehört
Sinnvoll sind Anforderungen, die prüfbar sind:
- Klassifizierung nach DIN EN 14411, Gruppe BIa, unglasiert
- Wasseraufnahme mit Prüfnorm und Grenzwert
- Bruchlast und Biegezugfestigkeit mit Prüfnorm
- Widerstand gegen Tiefenverschleiß mit Grenzwert
- Frostbeständigkeit, sofern relevant, mit Prüfnorm
- Chemische Beständigkeitsklasse mit Bezug auf die anfallenden Medien
- Bewertungsgruppe der Rutschhemmung je Bereich, mit Verweis auf die Gefährdungsbeurteilung
- Vorlage der Prüfzeugnisse vor Ausführungsbeginn
Was wenig bringt
Formulierungen wie „hochwertige Industriefliese“ oder „Markenqualität“ sind nicht prüfbar und führen zu unvergleichbaren Angeboten. Ebenso wenig hilfreich ist es, sämtliche verfügbaren Kennwerte abzufragen: Ein Datenblatt mit dreißig Zeilen ersetzt keine Anforderung, die zur tatsächlichen Nutzung passt.
- Rutschhemmung finden – Arbeitsbereich wählen – erforderliche R-Gruppe und Verdrängungsraum ablesen.
