Wer Schadensbilder an Industrieböden nebeneinanderlegt, sieht ein Muster: Die Fliesen sind meist intakt, die Fugen nicht. Sie sind ausgewaschen, mürbe oder eingefallen – und damit ist die Fläche als System defekt.
Zwei Materialien, zwei Beständigkeiten
Eine unglasierte Feinsteinzeugfliese ist bei rund 1.000 Grad gebrannt, praktisch nicht saugend und gegen Säuren wie Laugen beständig. Der Fugenmörtel daneben besteht im Standardfall aus Zement – einem Material, das von Säuren angegriffen wird. Beide liegen in derselben Fläche und werden derselben Belastung ausgesetzt.
Das Ergebnis ist absehbar: In der Molkerei greift Milchsäure die Fuge an, in der Küche die Kombination aus Fett und alkalischem Reiniger, in der Werkstatt Kühlschmierstoff und Batteriesäure. Die Fliese bleibt, wie sie ist. Die Fuge wird rau, verliert Material und schließlich ihre Funktion.
Was eine defekte Fuge auslöst
Eine angegriffene Fuge ist nicht nur ein optisches Problem:
- Sie lässt sich nicht mehr vollständig reinigen und wird damit selbst zur Schmutz- und Keimstelle
- Sie gibt Flüssigkeiten den Weg unter den Belag frei, wo sie den Verbund lösen
- Sie stützt die Fliesenkanten nicht mehr ab, sodass Räder gegen die Kante schlagen statt darüber zu rollen
- Bei Frost sprengt eingedrungenes Wasser den Randbereich auf
Aus einem Fugenproblem wird so binnen weniger Jahre ein Belagsproblem.
Wann Epoxidharz erforderlich ist
Epoxidharzgebundene Fugenmörtel sind gegen Säuren, Laugen, Fette und Desinfektionsmittel beständig und nehmen kein Wasser auf. Sie gehören eindeutig in die Ausschreibung, wenn einer dieser Punkte zutrifft:
- Lebensmittelverarbeitung mit organischen Säuren, etwa Molkerei, Obstverarbeitung, Fleischbetrieb
- Großküchen und Spülbereiche mit Fett und heißen alkalischen Reinigern
- Werkstätten mit Öl, Kühlschmierstoff oder Batteriesäure
- Chemisch belastete Bereiche wie Beizerei, Galvanik, Labor
- Außenflächen und Torzonen mit Streusalzeintrag
- Alle Flächen, die regelmäßig desinfiziert werden
Was gegen Epoxidharz spricht
Ehrlicherweise: Die Verarbeitung ist anspruchsvoller und teurer. Das Material zieht schneller an, verzeiht weniger, und die Reinigung der Fläche während der Verlegung muss sitzen. Wer Epoxidharz einsetzt, braucht einen Verleger, der damit vertraut ist. In trockenen, unbelasteten Bereichen – Lager für Trockenware, Verkaufsraum, Flur – ist ein hochwertiger zementärer Fugenmörtel die wirtschaftlichere Wahl.
Fugenbreite und Bewegungsfugen
Neben dem Material entscheidet die Geometrie. Zu schmale Fugen nehmen Bewegungen nicht auf und können nicht vollständig verfüllt werden. Übliche Breiten im Industriebereich liegen zwischen 3 und 8 Millimetern; bei Rüttelverlegung gibt der Abstandhalter das Maß vor.
Getrennt davon braucht jede größere Fläche Bewegungsfugen, die sie in Felder unterteilen, sowie Randfugen an allen aufgehenden Bauteilen und Fundamenten. Fehlen sie, überträgt sich jede Bewegung des Untergrunds direkt auf den Belag – und sucht sich ihren Weg dort, wo es am schwächsten ist.
Die Fugentiefe wird oft unterschätzt
Bei Bodenfliesen entspricht die Fugentiefe der Fliesenstärke. Bei 15 Millimeter starken Industriefliesen ist der Fugenquerschnitt damit fast doppelt so groß wie bei einem 8 Millimeter starken Belag. Für die Mengenermittlung heißt das: Erfahrungswerte aus dem Wohnungsbau führen in die Irre. Wer den Bedarf überschlagen will, rechnet ihn besser aus.
Was in die Ausschreibung gehört
- Fugenmörtelart eindeutig benennen – nicht „zementär oder gleichwertig“
- Fugenbreite und Verlegeraster festlegen
- Bewegungsfugenplan mit Feldgrößen beilegen
- Randfugen an Bauteilen, Fundamenten und Türschwellen ausschreiben
- Anforderungen an die Reinigung während der Verlegung nennen
- Fugenmörtel berechnen – Fugenbedarf in kg aus Format, Fliesenstärke und Fugenbreite.
